Schnell verlassen

So sieht eine erste Einschätzung aus

Ein erfundenes Beispiel — kein echter Fall, keine echte Person. Es zeigt nur, wie eine erste Einschätzung aufgebaut ist: ein Anliegen, und meine vollständige Antwort darauf.

Womit sich jemand gemeldet hat

„Ich bin 36, seit vier Monaten Vater, erstes Kind. Meine Frau ist in Elternzeit, ich arbeite Vollzeit und übernehme alles rundherum — einkaufen, kochen, Windeln bestellen, die Familien-Chats beantworten, am Wochenende die Nächte. Von außen läuft es. Ich sage auch überall, dass es läuft. Auf der Arbeit haben alle gratuliert, ich habe die Fotos gezeigt und die richtigen Sätze gesagt. Aber seit Wochen bin ich innerlich wie ausgeschaltet. Wenn mein Sohn mich anlächelt, lächele ich zurück, und das ist nicht gespielt — aber danach ist sofort wieder dieses Loch. Ich bin gereizt über Dinge, die mich früher nie gekratzt haben, das Klappern vom Geschirr, eine ganz normale Frage meiner Frau. Die beiden sind abends eine eigene Welt, und ich komme da nur noch rein, um etwas abzuliefern oder abzuholen. Alle fragen, wie es ihr geht. Meine eigene Mutter ruft an und fragt, wie sie das durchsteht. Niemand fragt mich, und ich würde auch nicht wissen, was ich antworten soll, ohne mich zu schämen — sie hat das Kind bekommen, nicht ich. Sie darf erschöpft sein. Ich habe zu funktionieren. Ich bin nur noch der, der funktioniert. Letzte Nacht um drei habe ich im Bad gesucht, ob es Vätern auch so gehen kann, und danach den Verlauf gelöscht, obwohl außer mir niemand dieses Handy je in der Hand hat. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich weiß nur, dass ich so nicht die nächsten Jahre weitermachen kann."

Meine erste Einschätzung

Du schreibst, dass es von außen läuft und dass du überall sagst, dass es läuft. Dass du seit Wochen innerlich wie ausgeschaltet bist. Dass du deinem Sohn zurücklächelst und das nicht gespielt ist — und dass danach sofort wieder dieses Loch da ist. Und dass du letzte Nacht um drei im Bad gesucht hast, ob es Vätern auch so gehen kann, und den Verlauf danach gelöscht hast, obwohl außer dir niemand dieses Handy in der Hand hat. So habe ich dich verstanden; korrigier mich, wenn ich etwas falsch lese.

In dem, was du aufgeschrieben hast, liegen für mich drei verschiedene Dinge nebeneinander, und keines davon musst du heute entscheiden.

Das erste ist die Erschöpfung selbst. Du arbeitest Vollzeit, du übernimmst alles rundherum und am Wochenende die Nächte — und du schreibst das in einem Nebensatz, als wäre es selbstverständlich. Gereizt über das Klappern vom Geschirr, über eine ganz normale Frage: Das ist kein Charakterfehler. Das ist der Zustand eines Menschen, der rund um die Uhr gebraucht wird und selbst nirgendwo mehr vorkommt.

Das zweite ist die Regel, die du dir selbst gegeben hast: Sie hat das Kind bekommen, also darf sie erschöpft sein — du nicht. Diese Regel steht in keinem Gesetz, sie steht nur in dir, und sie ist der Grund, warum du um drei Uhr nachts im Bad suchst, statt am Tag irgendwo zu fragen. Dass deine Frau das Wochenbett durchläuft, ist real. Dass es dich kostet, ist es auch. Das eine macht das andere nicht kleiner.

Das dritte steht zwischen den Zeilen: Alle fragen, wie es deiner Frau geht, deine eigene Mutter ruft an und fragt, wie sie das durchsteht — und du beantwortest die Familien-Chats. Du bist gerade der Logistiker einer Geschichte, in der du selbst nicht vorkommst. Nicht gefragt zu werden ist aber kein Beweis, dass die Antwort egal wäre. Sie ist bisher nur nirgendwo gelandet.

Zu deinem Satz „Ich weiß nicht, was mit mir los ist": Für das, was du beschreibst, gibt es inzwischen einen Namen — Väterwochenbettdepression, die postpartale Depression bei Vätern. Ich schreibe dir das nicht als Etikett, sondern als Rahmen: Es kommt oft genug vor, dass es ein Wort dafür gibt. Ob dieses Wort auf dich zutrifft, kann dir niemand per Brief beantworten — das kann nur eine Ärztin oder ein Arzt abklären. Aber du musst nicht länger annehmen, du seist der einzige Vater, der so etwas trägt.

Wenn du magst: Schreib an einem der nächsten Abende auf — nur für dich, nicht zum Abschicken —, was du antworten würdest, wenn dich wirklich einmal jemand fragt, wie es dir geht. Nicht die höfliche Version. Die ehrliche.

Vielleicht liest sich dieser Brief beim zweiten Mal anders als beim ersten. Wenn du magst, schreib mir, welcher dieser drei Fäden sich gerade am lautesten meldet — dort machen wir weiter. Es reicht ein Absatz, und es gibt keine Frist.

— Stefan

Jede echte Einschätzung ist so persönlich wie das, was du schreibst — und nur für dich lesbar.

Zurück zum Schreiben

Wenn etwas davon nach dir klingt: Du musst es nicht in die richtige Form bringen.

Schreib auf, was los ist