Meine erste Einschätzung
Du schreibst, dass es von außen läuft und dass du überall sagst, dass es läuft. Dass du seit Wochen innerlich wie ausgeschaltet bist. Dass du deinem Sohn zurücklächelst und das nicht gespielt ist — und dass danach sofort wieder dieses Loch da ist. Und dass du letzte Nacht um drei im Bad gesucht hast, ob es Vätern auch so gehen kann, und den Verlauf danach gelöscht hast, obwohl außer dir niemand dieses Handy in der Hand hat. So habe ich dich verstanden; korrigier mich, wenn ich etwas falsch lese.
In dem, was du aufgeschrieben hast, liegen für mich drei verschiedene Dinge nebeneinander, und keines davon musst du heute entscheiden.
Das erste ist die Erschöpfung selbst. Du arbeitest Vollzeit, du übernimmst alles rundherum und am Wochenende die Nächte — und du schreibst das in einem Nebensatz, als wäre es selbstverständlich. Gereizt über das Klappern vom Geschirr, über eine ganz normale Frage: Das ist kein Charakterfehler. Das ist der Zustand eines Menschen, der rund um die Uhr gebraucht wird und selbst nirgendwo mehr vorkommt.
Das zweite ist die Regel, die du dir selbst gegeben hast: Sie hat das Kind bekommen, also darf sie erschöpft sein — du nicht. Diese Regel steht in keinem Gesetz, sie steht nur in dir, und sie ist der Grund, warum du um drei Uhr nachts im Bad suchst, statt am Tag irgendwo zu fragen. Dass deine Frau das Wochenbett durchläuft, ist real. Dass es dich kostet, ist es auch. Das eine macht das andere nicht kleiner.
Das dritte steht zwischen den Zeilen: Alle fragen, wie es deiner Frau geht, deine eigene Mutter ruft an und fragt, wie sie das durchsteht — und du beantwortest die Familien-Chats. Du bist gerade der Logistiker einer Geschichte, in der du selbst nicht vorkommst. Nicht gefragt zu werden ist aber kein Beweis, dass die Antwort egal wäre. Sie ist bisher nur nirgendwo gelandet.
Zu deinem Satz „Ich weiß nicht, was mit mir los ist": Für das, was du beschreibst, gibt es inzwischen einen Namen — Väterwochenbettdepression, die postpartale Depression bei Vätern. Ich schreibe dir das nicht als Etikett, sondern als Rahmen: Es kommt oft genug vor, dass es ein Wort dafür gibt. Ob dieses Wort auf dich zutrifft, kann dir niemand per Brief beantworten — das kann nur eine Ärztin oder ein Arzt abklären. Aber du musst nicht länger annehmen, du seist der einzige Vater, der so etwas trägt.
Wenn du magst: Schreib an einem der nächsten Abende auf — nur für dich, nicht zum Abschicken —, was du antworten würdest, wenn dich wirklich einmal jemand fragt, wie es dir geht. Nicht die höfliche Version. Die ehrliche.
Vielleicht liest sich dieser Brief beim zweiten Mal anders als beim ersten. Wenn du magst, schreib mir, welcher dieser drei Fäden sich gerade am lautesten meldet — dort machen wir weiter. Es reicht ein Absatz, und es gibt keine Frist.
— Stefan